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BALLHAUS OST

Das BALLHAUS OST ist die Arbeit einer Gruppe von Künstlern aus bildender Kunst, Tanz, Schauspiel, Wissenschaft, Theater, Bühnenbild und Musik, die im November 2005 ein offenes Haus für alle Gattungen der Künste gegründet haben.
Die Vielstimmigkeit des Programms mit weit über zweihundert Veranstaltungen im Jahr, bestehend aus Theater und Tanz, Ausstellungen, Performances, Lesungen, Konzerten und Vorträgen befördert den Dialog der unterschiedlichen Kunstrichtungen.

BALLHAUS OST
Schauspiel // Tanz // Bildende Kunst // Lounge
Pappelallee 15 // 10437 Berlin // WWW.BALLHAUSOST.DE

Hymne

SEXY BERLIN

Von Philipp Reuter haben wir im letzten Sommer gelernt, was „Mitte-Beleuchtung“ ist: Man bestrahlt seine weißen Wände von unten. Und wenn mit Ikea-Schreibtischlampen geschieht, wichtig ist: von unten. Wir Provinzler haben ja auch sonst bezüglich der Hippness Berlins Bauklötzchen gestaunt. Die Tage hörte ich die COCKBIRDS auf dem aktuellen OX-Sampler mit einem Song, der bezeichnenderweise „Die hippen Mitte-Trooper“ heißt. Berlin-Mitte, wo die Herren und ihr Label STAATSAKT selbst zu residieren scheinen, und der angrenzende Prenzlauer Berg, oder auch Prenzl’berg, wie man liebevoll sagt, scheinen also reichlich Inspiration geboten zu haben. Inhaltlich geht es da um Milchkaffee und Kressetee, und so plakativ das auf den ersten Blick scheint, so wahr ist es eben leider auch. Aber ich will hier weniger auf Bionade und Rucola rumreiten - oder auf dem Umstand, dass auch Marzahn zu Berlin gehört, was in der Hauptstadt selbst gerne ignoriert wird und man damit immer einen Superlacher in der Tasche hat, wenn man behauptet da zu wohnen - sondern ich will mich hier mal damit befassen, wie es eigentlich so ist, wenn man der Sogwirkung nachgebend nach Berlin zieht, um dort irgendwas auf die Beine zu stellen. Ein Theater gründen zum Beispiel. 

In Berlin gibt es von allem reichlich. Es gibt Clubs und Bars, Galerien und Studios, Theater und kleine, freie Bühnen in so beachtlicher Zahl, dass man mächtig beschäftigt ist, wenn man hier partizipieren will. Irgendwo ist immer ein Konzert, eine Lesung, ein Stück, ein Film, eine Party. Warum also gerade hier? Warum nicht Wuppertal, Dinslaken, Bottrop? Die Frage ist schon so gestellt, dass sie sich selbst beantwortet. In Berlin, natürlich, gibt es ein Publikum. Ein Publikum, das bei allem Interesse allerdings auch schwer beschäftigt ist: siehe oben. In Berlin gibt es, schlicht gesagt, den Raum und die Infrastruktur. Kaum ein leerstehendes Gebäude, an das nicht ranzukommen wäre, das man nicht mieten könnte, um darin Ausstellungen, Theater, Band und Bühne unterzubringen. Hinzu kommt der Bonus, dabei auch schon mal an den Palast der Republik zu kommen, wo wir im letzten Sommer im Rahmen der Ausstellung DER BERG völlig unvorbereitet und mitten in der Nacht einen alten Steven Spielberg-Streifen gesehen haben und uns ob der skurilen Szenerie doch irgendwie wunderten, wo wir da eigentlich reingeraten waren. Und als wir, vorbei an der provisorischen Bar, an der ein Italienisch sprechender Deutscher zu horrenden Preisen Rotwein und Steinofenpizza anbot, das entkernte Gebäude schließlich verließen, entspannte sich eine Grundsatzdebatte darüber, warum sowas in Berlin funktioniert und in Duisburg nicht. Denn das Argument, es gäbe hier keine passenden Locations für derlei ist natürlich keins. In Berlin wohnen eine Menge kluger und kreativer Köpfe. Das sei ja gar nicht bestritten. Und so mag es auch ein Netzwerk geben, dessen Maschen enger sind als anderswo. Da sitzt dann vielleicht, wie im Fall BALLHAUS OST, Anne Tismer bei einer unbeworbenen Inszenierung in einer Kneipe und findet es so gut, dass sie in die Gründung eines Off-Theaters einsteigt..

Am 18.02. waren wir dann da: Eröffnungspremiere II, „Don’t cry for me, Adolf Hitler“ unter Regie von Philipp Reuter. Und wir wären natürlich nicht aus Bochum angereist, wenn wir den Herrn Regisseur nicht aus seinen Bochumer Tagen kennen würden. 2001 inszenierte Philipp „Fool for Love“ von Sam Shepard im RIFF. Lucas Gregorowicz und Leonie Brandis spielten die Hauptrollen und es war ein sehnsüchtiges, düster-anziehendes Stück Theater, das in sich unvermeidlich in die Erinnerung brannte. Dieses Mal ging es nun weniger darum, sich für die Liebe zu Deppen zu machen, sondern wie man seine Liebe vor den Deppen, namentlich den Nazis, rettet: 1944 versucht eine Krankenschwester in einem ostpreußischen Lazarett zu verhindern, dass ihre Patienten dem gleichen Schicksal erliegen wie ihr Lover Helmut und an die Front zurückgeschickt werden. Das erfordert reichlich Erfindungsgeist, die Bereitschaft, die Ärmel hochzukrempeln und die Fähigkeit chaotische Zustände in geregelte zu verwandeln. Hauptfigur Irma geht es damit kaum anders als den Machern des Theaters: Philipp Reuter, Uwe Eichler und Anne Tismer haben ohne finanzielle Unterstützung und in einem unsagbar kurzen Zeitraum ein sympathisches Projekt gewagt und sich damit einen künstlerischen Freiraum abseits des etablierten Regeltheaters geschaffen. Für die Punks unter uns: D.I.Y.

Das BALLHAUS OST hat von sich reden gemacht: Kaum ein Blatt, das nicht darüber geschrieben hat. Und wer behauptet, da habe der berühmte Berlin-Bonus nicht mitgespielt, würde schon eher schummeln. Wir aber nun im vollen Theater bei der Premiere und die Frage: Hat es sich gelohnt? Die Antwort ist ja. Die „Nazirevue“, so der Untertitel des Werkes aus der Feder des Herrn Eichler, war, auch wenn Theatermacher das manchmal gar nicht so gerne hören, verdammt unterhaltsam. Die Darsteller wussten ausnahmslos zu überzeugen, auch wenn das Stück selbst hier und da einige merkwürdige Schnörkel hatte. Ich mag normalerweise überhaupt keine Stücke, in denen Leute singen, aber dieses war gelungen, was sicherlich den gesanglichen Fertigkeiten der Schauspieler und dem Witz ihrer Lazarett-Performance zu verdanken war. Nun bin ich aber auch kein Theaterkritiker und man mag mir auch vorwerfen, ich hätte ja sowieso keine Ahnung, aber mein Urteil ist damit durchaus positiver als viele derer, die ihre Brötchen mit derartigen Beurteilungen verdienen. Ein paar Mal taucht in den Rezensionen, die ich in den letzten Tagen aus dem Internet gefischt habe, der Gedanke auf, dass es eben bei einer Premiere immer vorbei sei mit den Vorschuss-Lorbeeren, die man bekommt, wenn man sich in Berlin selbstständig macht, etwas Unabhängiges erschafft, einen Beitrag leistet zur kulturellen Vielfalt. Und deshalb war es einigen zu lauwarm, zu undurchdacht, vielleicht nicht ästhetisch genug. Da wurde viel davon geredet, dass Regisseure neben allem handwerklich-organisatorischen-verwalterischen Krempel, der bei einem Theater eben so anfällt, nicht das aus dem Auge verlieren dürfen, woran sie schließlich gemessen werden: die Inszenierung. Damit bescheinigen sie aber auch, wo die Grenzen der Unabhängigkeiten liegen, die man sich in Berlin möglicherweise leichter schaffen kann als in anderen Teilen Deutschlands: Sie beginnen dort, wo man sich gegen die Konkurrenz behaupten muss. Denn die ist wie alles in Texas: größer. 

Vielleicht sollte die Frage aber doch weniger Berlin oder Nicht-Berlin sein. Die Frage sollte sein: Welche Vision hast du? Nach „Fool for Love“ meine ich zu wissen, was für eine Vision Philipp Reuter hat. Und ich wünsche ihm nichts mehr, als dass er auch den Biss hat, sie in der Hauptstadt zu realisieren. Denn wenn Berlin etwas braucht, dann weniger Kressetee und mehr Cowboys.

A.H. (Das mit den Initialien ist nun wirklich Zufall)