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the guest-section will be relaunched step by step, so have a little patience…

Wolfram Lotz

Wolfram Lotz, im Schwarzwald geboren, vor gar nicht allzu langer Zeit wohnhaft und studierend am Bodensee (inzwischen am Deutschen Literaturistitut Leipzig), liefert das überzeugendste Argument dafür, warum Lyrik nicht zwingend verstaubt und schnarchig ist: einen Gedichtzyklus. Wie die beste Stelle im Lieblingslied. Ich habe Wolfram in Steyr (AT) kennengelernt, wo er im November 2005 den wahrscheinlich höchstdotierten Nachwuchspreis im deutschsprachigen Raum gewonnen hat. Aufgrund der damaligen Entfernung Bochum-Konstanz habe ich mit Wolfram ein Mail-Interview geführt, woraus nach und nach ein angenehm lockeres Gespräch geworden ist, in dem Wolfram unter anderem von der MINIMA erzählt, die er zusammen mit Simone Hirth herausgibt.

// WWW.MINIMA-PAPIER.DE

Gedichte

Trinkergedichte

   1

Tu noch etwas Schnee
in den Whiskey, sage ich
aber ich bin allein in der Küche.

   2

Mein Magen ist warm
vom Schnaps. Friedlich
schimmert das Taxameter und ich
weiß nicht, was los ist:

mit der Hand berühre ich den weichen
Ledersitz, wie eine Ahnung von Glück
und ich beginne

zu erzählen und der Fahrer
schweigt und ich erzähle

bis er das Radio aufdreht.

  3

Die Musik, die hier gespielt wird
stört mich nicht mehr. Wenigstens
kann man unbemerkt rülpsen.

Das bunte Licht färbt
den Rauch lustig. Ich stehe herum
sehe den Mädchen zu
und vergesse dabei fast
daß ich schiefe Zähne habe.

  4

Gegen später schlief ich ein
auf dem Klo. Jemand
der auch wollte, weckte mich.

Der Mann an der Bar gab mir
noch ein Bier unter der Bedingung
daß ich damit verschwinde.

Was schade war, es war eigentlich
noch ordentlich was los.

  5

So betrunken kam ich heim
daß ich meine Nase
festhalten musste im Gesicht.

Im Kühlschrank waren
noch Heringe und etwas
Käse, ich habe das alles
nicht mehr bemerkt.

Fristlose Kündigung

  1

Da ich nichts unterschrieben habe
mache ich ab jetzt nicht mehr mit:
ich esse Zitroneneis und ignoriere den Tod
der sich im Blumenbeet versteckt.

  2

Dieser Frühling ist eine gute Jahreszeit:
ich trinke lauwarmen Kaffee
diskutiere mit den Enten im Park
und vergesse zu denken.

  3

Die Nachmittage sind lang
seitdem ich schläfrig geworden bin:
ein Zustand
nahe dem Glück.

  4

Wer weiß, das Leben
wird aus dem Boden kommen
in Form von Kartoffeln. Ich habe Geduld
und diesen Gartenstuhl.

Interview

Ein weißes Blatt für Wolfram Lotz

Das Interview mit Wolfram habe ich per E-mail gemacht. Die Fragen habe ich in drei Teilen gestellt und wir haben immer mal wieder dazwischengepfuscht, so dass es eben doch mehr ein Gespräch geworden ist als ein stures Frage-Antwort-Ding. Damit ist es natürlich auch recht lang geworden, was aber seiner Kurzweiligkeit keinen Abbruch tut.

Stell dich doch einfach mal kurz vor und fang mit dem Satz an: Mein Name ist Wolfram Lotz…

…und daran sind meine Eltern Schuld, wie auch sonst an fast allem. Am Rest ist die SPD Schuld: am schlechten Wetter und daran, dass die Zeit linear verläuft, und zwar verdammt schnell, zu schnell.

Ohne jetzt das Bild vom verarmten Poeten zusätzlich romantisieren zu wollen, die große Kohle lockt ja wahrlich nicht in deinem Genre. Wie kommt es, dass du ausgerechnet der Lyrik anheim gefallen bist?

So etwas sucht man sich nicht aus: zunächst gibt es etwas zu sagen, das sucht sich dann die Form. Ich spreche aber nicht von einem Thema, sondern es ist etwas abstrakteres, es hat ziemlich viel mit Weltbild zu tun. Ich bin in einem Tal im Schwarzwald aufgewachsen. Mein Elternhaus ist am Berg gebaut, direkt vor dem Haus läuft ein Sträßchen entlang, direkt neben dem Sträßchen fließt ein Bach, neben dem Bach geht der andere Berg hoch; alles, was nicht Haus, Straße oder Bach ist, ist Tannenwald. Ich empfinde Städte als viel prosaischer, Städte haben Handlung.  In diesem Schwarzwaldtal aber gab es im Grunde keine Handlung, um das Haus war ein Standbild, es ist nichts geschehen, die Form dafür ist die Lyrik gewesen, sie ist ja nahezu ohne Handlung und vom Gestus eher still.

Die meisten werden wie ich wenig Ahnung haben: Wen sollte man denn so gelesen haben? Und warum? Und bei wem schadet es nicht ihn zu kennen, wenn man deine Sachen liest?

Ich weiß nicht, ob man jemanden gelesen haben muss. Das ist ja doch immer sehr subjektiv, in welchem Werk man sich wiederfindet, mit welchem Schriftsteller man sich „befreundet“. Ich liebe die späteren Gedichte von Günter Eich, würde sie aber nicht unbedingt empfehlen, schließlich habe ich ca. eineinhalb Jahre gebraucht, sie zu durchdringen und wirklich zu verstehen, das würde ich jetzt nicht jemand anderem zumuten wollen.

Meine Theorie dazu ist, dass man sich ja sowieso mit den Figuren befreundet, nicht mit dem Autor. Jetzt bin ich ja mehr so der Geschichtenerzähler, bei Lyrik mag das ja auch anders sein: Aber es geht mir eben unglaublich oft so, dass ich Bücher lese, die mir zwar gefallen, aber an denen ich einfach nicht so ‚beteiligt’ bin, weil es keine Figur gibt, die mich ‚anzieht’ oder einsaugt in ihre Welt. Jetzt habe ich gerade gestern Abend ein neues Buch angefangen (EUREKA STREET, BELFAST von Robert McLiam Wilson) und nach den ersten zehn Seiten war ich komplett absorbiert und hab mich in die Hauptfigur verknallt. Das sind dann so Bücher, die ich verschlinge.

Hm, bei Lyrik ist die Figur unwichtiger, da steht schon mehr der Autor im Vordergrund, durch dessen Augen man bestimmte Dinge sieht. Bei der Prosa geht es mir aber auch so: ohne eine Identifikation mit einer der Hauptfiguren ist es sehr schwierig, ein Buch zu lesen. Andererseits muss ich auch gestehen, dass ich mich in fast allen Büchern mit einer Figur irgendwie identifizieren kann, mir reicht da schon oft der kleinste gemeinsame Nenner. Und selbst wenn die Figuren sich dann für mich völlig unverständlich benehmen oder ihre Beweggründe für mich nicht nachvollziehbar sind, so bleibt dann oft noch eine Spur von Identifikation erhalten, da ich auch oft genug erlebe, dass ich für mich unverständlich handele oder die Beweggründe nicht nachvollziehbar sind.

Das Bewußtsein ist der Teil in uns, der als einziges lügt, und zwar ununterbrochen…

Mehr eine generelle Frage: Ist das bei dir eher Studium UND künstlerisches Schaffen oder mehr Studium VERSUS künstlerisches Schaffen? Hilft die Uni beim Denken? Oder blockiert sie es manchmal eher?

Die Uni hilft mir nicht beim Schreiben. Sie könnte sogar ein Problem sein, da ich Literaturwissenschaft studiere: man lernt Texte zu analysieren. Das ist interessant, aber man darf nicht auf die Idee kommen, mit dem Wissen, wie man Texte analysiert, selber Texte zu bauen. Das wäre oder ist viel zu grob, viel zu holzig. Schreiben muss subtiler geschehen. Man kann durchaus Textgerüste konstruieren, aber durchkonstruierte Texte sind etwas furchtbares, sie sind wie tot. Was aber nicht heißt, dass ich an irgendwelche Eingebungen glaube, aber es ist nunmal so, dass der Mensch nur zu einem sehr geringen Teil aus Bewußtsein besteht, und wenn man versucht, Texte ausschließlich zu konstruieren, geschieht das nunmal im Bewußtsein, und dann wird der Text eben sehr dünn. Abgesehen davon ist das Bewußtsein der Teil in uns, der als einziges lügt, und zwar ununterbrochen – und das ist auch keine besonders gute Vorraussetzung, um damit zu schreiben.

Hat dich das denn auch blockiert? Bei mir war das so. Am Anfang des Studiums, eine Zeit lang. Ein Arbeitskollege von meinem Exfreund, der auch Literaturwissenschaft studiert hat, hat mal gesagt: Die bringen dir bei, wie du denken sollst aber es ist schwer damit wieder aufzuhören. Ich finde er hat sehr Recht damit.

Ist schwierig zu sagen. Einerseits hatte ich immer schon Abneigungen gegen ein zu technisch-rationales Schreiben, war mir schon vor Studienbeginn der Gefahr bewusst und habe mich dann eher stur gestellt. Andererseits hatte ich ein halbes Jahr nach Studienbeginn Probleme mit dem Schreiben, fast ein Jahr lang, das kann aber auch daran gelegen haben, dass sich da schon die bisherigen Formen für mich einfach erschöpft hatten. Es ist schon wahr, dass sie einem an der Uni so eine Art zu Denken beibringen, aber Schreiben geschieht bei mir eigentlich zunächst immer ohne zu Denken, und das lässt sich schon noch einrichten. Ich glaube ich denke mehr und anders vor und nach dem Schreiben, das Schreiben selbst bekomme ich aber nach wie vor noch recht gedankenlos hin, das ist das Wichtigste.

Es soll ja Leute geben, die behaupten, man hätte als Autor überhaupt erst was zu erzählen, wenn man älter und lebenserfahrener wie auch -gebeutelt ist. Nun bist du ja auch noch eher jung. Was würdest du denen sagen?

In zwanzig Jahren sehe ich das wahrscheinlich genauso, wer weiß. Andererseits kann man sich in Kunst nur auf eine umfassendere Weise wiederfinden, wenn man sich damit identifizieren kann. Jede Altersgruppe hat also ein Recht auf den Ausdruck ihres spezifischen Grundgefühls. Ein pubertierender Jugendlicher wird wohl mit einem Bild eines pubertierenden Jugendlichen mehr anfangen können, als mit Picassos „Guernica“ – wobei: in der Pubertät fühlt man sich vielleicht auch wie bombardiert und alles Leiden der Welt versammelt sich in einem, wie auch immer.

Hehe, ich glaub ja gar nicht, dass das nur in der Pubertät so ist. Ist sowieso einfacher über Leiden zu schreiben als über wirklich tiefes Glück, oder?

Stimmt. Leiden ist aber ein Wort, was ich jetzt nicht für mich in Anspruch nehmen würde, es geht mir so recht gut. Aber das Problem mit dem Über-Glück-Schreiben ist ja, dass es zumindest für mich nicht mehr zum Grundton meiner Weltempfindung gehört. Es kommt zwar dann und wann, und so kann es auch in die Texte kommen, zwischenhinein. Aber einen glücklichen Text kann ich mir im Moment nicht vorstellen zu machen, jeder Text entwirft doch eine eigene Welt, und wenn diese Welt dann einfach glücklich wäre in dem Text, ja, dann würde ich sagen, ist das einfach gelogen.

Äpfel und Birnen hin oder her. Oder: Das Obstige an den Kunstformen

Welche Einflüsse wirken noch so auf deine Arbeit als Dichter (kann man das so sagen? Dichter? Fühlst du dich als Dichter? Oder gibt es von deiner Seite alternative Berufsbezeichnungen?) Warum frag ich das? Also ich zum Beispiel kann von mir sagen, dass ich, obwohl ich selbst schreibe, überhaupt keine Ahnung von zeitgenössischer Literatur habe. Ich les sowas einfach nicht. Oder zumindest sehr selten. Dafür bin ich viel vom Film auch von vielen Bands, zum Teil vom Theater beeinflusst. Wie ist das bei dir?

Ich weiß gar nicht genau wieso, aber bei dem Wort DICHTER krieg ich einen roten pusteligen Ausschlag auf dem Rücken. Aber es ist ja bei allen Allergien so, dass man nicht genau weiß, wieso man sie hat.

Ich krieg diesen Ausschlag bei so Wortkombinationen wie ‚Plattform für junge Künstler’ oder so.

Ja, das klingt so, als wenn man da einen Ort schafft, wohin man die „jungen Künstler“ abschieben kann. Die stehen dann auf Ihrer Plattform, langweilen sich da zu Tode und stören niemanden mehr…

Ich fühle mich aber auch nicht ganz und gar als SCHRIFTSTELLER, ich kann nunmal nicht malen, zudem bin ich ziemlich unmusikalisch. Pantomimisch kann ich die Sachen, die mir etwas bedeuten, nicht darstellen, deshalb schreibe ich.

Für meine Arbeit sind eigentlich alle Kunstformen interessant. Ich finde die verschiedenen Kunstformen im Kern auch gar nicht unterschiedlich. Ich habe kein Problem damit, ein Theaterstück mit einem Popsong zu vergleichen. Äpfel und Birnen hin oder her – mich interessiert das Obstige an den Kunstformen. Plattformen haben aber leider nichts Obstiges.

Sehr sympathisch das mit dem Obstigen an den Kunstformen. Jetzt aber mal ganz blöd gefragt: Was muss denn passieren, damit dich was umhaut und berührt? Mir fällt da jetzt der ironisierende Schlachtruf „art must destroy“ ein. (Das ist ein Song von einer Band namens AMERICAN LEAD GUITAR.) Würdest du das so unterschreiben oder was wäre ein Gegenkonzept?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Frage richtig verstanden habe.

Das liegt daran, dass ich schneller frage als ich denke. Also eigentlich wollte ich nur nicht so blöd fragen: Was bedeutet denn Kunst für dich?, weil das ja auch Unfug wäre, und hab versucht den Kern zu treffen. Und als ich es so hinschrieb fiel mir eben dieser Titel ein und ich habe ihn mit in die Frage eingebaut.

Wenn „art must destroy“ meint, dass sie auf irgendeine Art und Weise verstörend sein muss, bin ich schon der Meinung. „Verstörend“ ist aber vielleicht ein zu starkes Wort dafür. Ich bin aber eher ein Verfechter von „Schönheit“, wobei das in der Kunst für mich ziemlich viel mit „Wahrheit“ zu tun hat – man entschuldige mir die beiden großen Wörter so kurz hintereinander. Einfach ausgedrückt könnte man sagen: etwas berührt mich – und das finde ich dann schön -, wenn ich erstens das Gefühl habe: so ist es, und zweitens sich dieses „so ist es“ auf etwas Grundlegendes, auf etwas Existenzielles bezieht. Wenn dem so ist, dann finde ich Kunst übrigens „verstörend“, wenn sie plötzlich etwas sehr genau trifft.
Vielleicht bedeutet „art must destroy“ aber auch, dass die Kunst nur durch Zerstörung von alten Formen Neue erschaffen kann. Mir ist aber die Form an sich Wurst, die muss nicht neu sein. Der Inhalt braucht eine angemessene Form, wenn es diese Form schon gibt, dann bediene ich mich. Manchmal ist im Repertoire allerdings keine bestehende Form vorhanden, dann muss für den Inhalt eine neue Form gefunden werden. Das braucht Zeit, funktioniert aber recht gut.

In RISIKO DES RUHMS versucht Rocko Schamoni es ja umgekehrt. Er versucht Sprichwörter zu schreiben, die so klingen als wären sie althergebracht und ganz flugs in den Sprachschatz der Leute übergehen. Da kommt dann sowas bei heraus wie : „…ja du kannsch ja auch kei Spatzekinder flügge werfe…“ Ich habe mal versucht mir das anzutrainieren, also es einfach mal bei bestimmten Gelegenheiten rauszuhauen. Und es passt fast immer. Total kurios.

Ja, da zitiert man die Form, und dann wird davon ausgegangen, dass sie nach wie vor Inhalt hat. Vielleicht muss deshalb die Kunst erstmal die alten Formen zerstören, um nicht hülsenhaft werden zu können.

Ich hab übrigens keine Ahnung, ob die Band sich was dabei gedacht hat. Vielleicht wollten sie nur gerne einen Song haben, der „art must destroy“ heißt… Aber das ist natürlich so ein Ding, wo man dann Unmengen hineinlesen kann, deshalb finde ich das schlau.

Ist ja im Grunde auch schnurz, ob sie sich was dabei gedacht haben. Wenn ich allerdings so darüber nachdenke, dann wird „art must destroy“ ja als hinlänglich bekannter Slogan eigentlich auch nur zitiert, das steht dann eigentlich im Widerspruch zum Inhalt, herrje, da wird das dann eigentlich erst interessant, was das dann bedeutet, aber das ist für mein Gehirn zu anstrengend. Aber wahrscheinlich wollten sie den Song wirklich nur so nennen, weil es gut klang – das ist zumindest eine sympathische Lösung.

Handlung UND Entwicklung

Deine Texte, obwohl Lyrik, haben unterm Strich aber schon auch was Prosaisches. Liegt das daran, dass du jetzt nicht mehr im Schwarzwald wohnst oder weil du eben doch ein Geschichtenerzähler bist?

Kann schon sein, dass es daran liegt, dass ich nicht mehr im Wald wohne. Aber ich glaube der Punkt ist, dass mich Handlung beim Schreiben nach wie vor nicht interessiert, dagegen interessiert mich aber Entwicklung. Das ist der Grund, wieso ich eben nicht nur einzelne Gedichte schreibe, sondern zum Beispiel auch diese Zyklen: sie scheinen mir eine gute Möglichkeit zu sein, Entwicklung darzustellen, ohne dabei eine Kontinuität zu gebrauchen, wie sie bei Handlung üblich ist. Mir ist die Darstellung von Kontinuität auch sehr suspekt, da ich für mich nicht daran glaube, dass das ohne zu große Verluste gehen kann. Wenn man eine Geschichte erzählt, schafft man einen Strang, in dem das Eine zum Anderen führt.

Ja? Nein.

Doch, es gibt dabei eine Abfolge, die aufeinander basiert: Das ist Handlung. Das wäre dann linear, also eine durchgehende Linie.

Der Herr Picasso hat einmal gesagt: „Es gibt nicht Schwierigeres als eine Linie.“

Mag schon sein, ich glaube übrigens auch, dass ich so ohne weiteres keine Handlung machen könnte, ich bin das ja auch nicht gewohnt. Aber das Problem ist doch: wird man, wie schwierig etwas auch ist, damit der eigenen Weltsicht gerecht? Ich habe aber eher das Gefühl, dass Vieles zu Vielem führt, dass die Welt nicht so linear läuft, wie eine Geschichte, sondern dass sie flächig verstrickt ist. Bei den Zyklen gibt es den Vorteil, dass zwischen den Texten Leerstellen sind, das heißt, sie erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern sie sagen: hier wäre noch Einiges zu sagen, es ist aber leider nicht möglich. Ich versuche also eher, etwas explizit nicht zu sagen, und es dadurch zu implizieren.

Wenn ich dir noch richtig folgen kann, dann meinst du, dass man in einer Geschichte zu sehr selektiert, oder?

Nicht unbedingt. Man selektiert ja immer, in jeder Form von Literatur. Ich meine eher: die Selektion ist nicht sichtbar genug, sie wird nicht offengelegt.

Jetzt würde ich natürlich sagen, bei einer Geschichte impliziert man auch vieles damit, dass man etwas nicht erzählt.

Das glaube ich so nicht: natürlich kann man etwas ganz deutlich verschweigen, aber die Form „Geschichte“ bildet etwas wie eine Einheit, es ist eine Art Strom, die zumindest ursprünglich in sich keine Lücken aufweist. Wie eine Nuss: natürlich befindet sich jenseits von ihr Welt, aber die Nuss ist sich selbst genug, sie ist rund, sie ist eine Autonome Welt, die nichts hereinlässt - sie hat keine Lücken. Und gerade diese Lücken sind für mein Empfinden notwendig, um etwas tatsächlich erzählen zu können.

Und eigentlich würde ich auch sagen, Entwicklung ist mitunter ja auch das Ergebnis von Handlung.

Ja, das stimmt. Aber eben nicht nur! Und ich würde sagen, die meisten Geschichten haben die Tendenz, Entwicklung als Ergebnis von Handlung darzustellen, aber was ist mit der ganzen Welt, die da drumherum ist? Hat die keine Auswirkung, einfach nur dadurch, dass sie ist, wie sie ist? Aber um noch etwas zum „Prosaischen“ in meinen Gedichten zu sagen: Etwas prosaisch sind meine Gedichte auch insofern, als dass sie nicht unbedingt eine lyrische Sprache aufweisen. Eine älter anmutende lyrische Sprache hat meist etwas glorifizierendes, aber letztlich empfinde ich doch die Dinge als lächerlich, das würde nicht passen. Und eine modernere lyrische Sprache ist zuviel Sprache für mein Empfinden, es ist aufgerauhte Sprache, da bekommt der Text an allen Ecken und Enden Bedeutung, und am Ende ist das Gedicht dann eine Art Mikrochip, aus dem eine maximale Menge an Gedanken herausgeholt werden kann. Das ekelt mich ein wenig.

Kannst du mir dafür ein Beispiel geben? Ich habe keine Ahnung, wie sowas klingen würde.

Naja, ich meine damit zum Beispiel Texte, in denen die Wörter ständig mit Bindestrichen in Silben getrennt werden, dann steht in der einen Zeile „All-“ und in der nächsten dann „tag“, und dass mag ja ganz interessant sein, da kann man sicher mal drüber nachdenken, aber wenn man bei einem Gedicht an allen Ecken und Enden über was nachdenken muss, dann bleibt vom Ganzen nichts mehr übrig. Das ist aber nur ein Beispiel, da gibt es die Querstriche, die Klammern, etc. Beliebtes lyrisches Accessoir ist im Moment übrigens das Undzeichen! Das spart Platz und Arbeit!

ein Zustand – nahe dem Glück

Mich interessiert das, was du zum Thema Bewusstsein gesagt hast. Der Titel „Trinkergedichte“ lässt ja die Vermutung zu, dass es da um jemanden geht, der eher versucht gerade dieses zu betäuben. Weil es lügt oder weil es ihn an die Wahrheit erinnert?

Das, was ich vorher über Bewusstsein gesagt habe, lässt sich nicht den „Trinkergedichten“ gegenüberstellen: das eine ist Meinung, das andere ist die Schilderung von etwas und wertfrei.

Gut, ich gebe zu, das ist ein bisschen gemauschelt von mir. Aber „wertfreie Schilderung“ kaufe ich grundsätzlich niemandem ab. Ich denke, Text sind immer in eine Wertung, in eine Weltsicht eingebettet und meistens vermittelt sie das auch.

Hm, vielleicht ist „wertfrei“ wirklich nicht ganz richtig. Aber der Zustand des lyrischen Ichs wird ja tatsächlich in den Gedichten nicht bewertet. Er wird nur insofern durch die Schilderung beeinflusst, als dass diese dann eine Bewertung des „betrunkenen Ichs“ durch den Leser nach sich zieht. Das ist dann aber etwas, was dieser aufgrund seiner Werte macht, er ist da frei – ich glaub, man kann da auch zu ganz unterschiedlichen Urteilen kommen.
Ich bin mir im Übrigen gar nicht sicher, ob man beim Trinken das Bewusstsein betäubt oder was man da eigentlich betäubt. Ich habe von Psychologie keine Ahnung, aber ich bemerke, dass man im besoffenen Zustand mehr Tier als Mensch ist. Dieses leicht tierische Befinden eines Betrunkenen ist ein eher erinnerungs- und somit vergangenheitsloses, in einem gewissen Sinne ähnelt es dadurch sogar einem kindlichen Zustand.

In „Fristlose Kündigung“ schreibst du „ein Zustand / nahe dem Glück“. Glaubst du persönlich dran? Ans Glück meine ich?

Naja, das ist ja die schwierige Frage, um die es eigentlich in allen drei Zyklen geht. An das Glück als etwas Augenblickliches glaube ich ohne weiteres, das finde ich auch sehr tröstlich, dass es das gibt. Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, so habe ich aber das Gefühl, dass die damals empfundene Leichtigkeit ein glücklicher Zustand war, in den zeitweilig Gefühle wie Angst und Verzweiflung eingebrochen sind. Dagegen empfinde ich seit einigen Jahren meinen Zustand im Gegensatz dazu als „nicht leicht“, sondern eben als eher von Schwere geprägt – und in diesen Zustand bricht ab und zu für einen Moment das Glück ein. Das kindliche Glück dagegen ist eine Art Zustand - ich meine das erlebt zu haben, wenn die Erinnerung in meinem Bewusstsein mich nicht belügt. Das dauerhafte Glück gibt es also schon, aber eben nicht mehr für mich, und das kann ich nicht akzeptieren, diese Vertreibung aus dem relativen Paradies muss unter allen Umständen rückgängig gemacht werden. Die „Trinkergedichte“ und die „Fristlose Kündigung“ berichten im Grunde von zwei Versuchen, wieder in diesen einigermaßen paradiesischen Zustand zu kommen, die geschilderten Versuche sind aber natürlich lächerlich, sie nähern sich dem Glück eben nur an, schaffen es aber nie, es zu erreichen. Aber obwohl derartige Versuche lächerlich sind, finde ich sie legitim und notwendig.

Warum meinst du überhaupt, sie seien lächerlich? Was macht ihre Lächerlichkeit aus?

Nun, sie sind lächerlich, weil das Problem zu gewaltig ist, um es mit ein paar Schnäpsen, oder einfach mit einer „Kündigung“, zu lösen. Das ist von vorneherein klar, aber man macht es natürlich trotzdem, sonst fällt einem ja nichts ein.
Andererseits entfernt man sich immer weiter von diesem kindlichen Zustand durch das eigene Handeln, man begeht Fehler, die andere Menschen verletzen, und man lädt Schuld auf sich – und das alles entfernt einen immer mehr davon.

Der letzte Teil „Gebete“ hat auf mich eine sehr paradoxe Wirkung gehabt: Obwohl der Ton atheistischer kaum sein könnte, hat das Ganze tatsächlich etwas sehr sakrales. Ich weiß jetzt aber nicht, wie ich dazu eine Frage stellen soll. Hehe.

Das ist auch mal angenehm, weil Fragen immer nach Antworten verlangen, und Antworten sind ja im Allgemeinen so eine Sache.

Was Du ansprichst hat aber wahrscheinlich damit zu tun, dass ich nicht sagen kann, dass ich an Gott glaube. Wenn ich in der Kirche bin, dann haben die Texte dort diese sakrale Stimmung, das ist was für Leute, die das Problem überwunden haben, oder aber nie ein Problem damit hatten – die es auf jeden Fall irgendwie geschafft haben. Es fällt mir allerdings sehr schwer zu glauben, andererseits gibt es für mich immer öfter Augenblicke, in denen es mir schwer fällt, Gott zu bestreiten. Nicht, dass Wunder geschehen, aber je genauer ich die Dinge betrachte, desto mehr stinkt alles nach Gott, aber auch nur in bestimmten Augenblicken. Ich habe versucht, dass in den Texten wiederzugeben: sie heißen zwar „Gebete“, sind aber trotzdem sehr zweifelnd, aber eben auch religiös. Sie bewegen sich dort, wo auch ich mich bewege: auf der Grenze.

Es geht da aber auch darum, dass man die Dinge nicht als gut oder schlecht ansieht, sondern dass sie sowohl als auch zu dieser Welt gehören, und dass das so gut ist. So verkörpert der Schnupfen im ersten Gedicht auf eine etwas komische Weise das „Böse“ in der Welt, aber nur unter Einbeziehung dessen kann man die Welt in ihrer Schönheit erkennen – und somit möglicherweise etwas wie Gott.

Wir wählen also nur Texte aus, die keinen Krach machen, sondern eine ruhige Poesie haben.

Du bist Herausgeber einer Literaturzeitschrift. Erzähl mal was darüber.

Naja, ich gebe die MINIMA nicht alleine heraus, sondern zusammen mit einer Freundin, Simone Hirth. Die MINIMA erscheint halbjährlich in Leipzig, ist aber in einigen anderen Städten in Deutschland an bestimmten Orten erhältlich. Zeitschrift ist vielleicht auch schon zuviel gesagt: das ist im Grunde ein zusammengefaltetes Poster, Hosentaschenformat. Das Besondere daran ist: sie ist kostenlos, finanziert sich also über Spenden. Die MINIMA soll nichts abdecken, sondern ist eine Art Nischen-Zeitschrift, die kurzen und besonders stillen Texten einen Platz geben soll. Wir wählen also nur Texte aus, die keinen Krach machen, sondern eine ruhige Poesie haben. In anderen Anthologien gehen diese Texte unter – ich glaube, dass sie bei uns hörbar werden. Wer sich dafür interssiert, kann ja auf die Homepage gehen, da gibt es die MINIMA dann auch als noch winzigeres Format zum Selberbasteln. // LOOK

Meine Frage wäre sowieso, wie du dein Obst an den Mann bekommst. Wer eine Band hat, kann touren, Regisseure machen Filme, Maler und Fotografen haben Ausstellungen. Was machen die, die schreiben und (noch) keinen Verlag gefunden haben? Was machen insbesondere die Lyriker unter uns? Haben die es schwerer mit ihrer Form? Wenn man nicht gerade der Typ für POETRY SLAMS ist?

Für meine Lyrik und meine anderen Texte gibt es tatsächlich außer der Veröffentlichung auf Papier nicht eine geeignete Form. Die Texte sind meistens sogar zu kurz, als dass sie sich beim Vorlesen wirklich entfalten könnten. Mich drängt es aber im Moment nicht so sehr nach Veröffentlichung. Ich bin mit 24 noch in einem Alter, wo ich noch nicht ganz sicher sein kann, ob ich schon damit fertig bin, mich in kurzen Zeiten immer wieder künstlerisch zu überholen. Ich erwarte, dass ich die Texte, die ich mache, nicht nach einem Jahr wegwerfen muss, weil ich mich davon zu arg entfernt habe. Diese Entfernungen sind normal, aber in der Pubertät und der Post-Pubertät geht das zu rasch. Es sieht so aus, als wenn ich langsam aus den schnellen Überholungen heraus bin, ich finde inzwischen Texte, die ich noch vor drei Jahren gemacht hab, immernoch gut. Aber aus Sicherheit kommt wirkliche Veröffentlichung erst in frühestens drei Jahren in Frage, da ich nicht in Gefahr laufen möchte, später den Kopf zu sehr deswegen schütteln zu müssen – so wie ich es jetzt tun würde, wenn ich mich vor drei Jahren um Veröffentlichung bemüht hätte. Deshalb habe ich aber zum Beispiel auch bei der Veröffentlichung auf Eurer Seite schon Gewissensbisse.

Oh nein, was kann ich tun? Ich verstehe diesen Punkt aber irgendwie nicht so ganz. Was wäre so schlimm daran, wenn du jetzt einen Text veröffentlichst, von dem du in drei Jahren denkst: Was für ein Schrott! Ich habe den Eindruck, es geht um das für die Ewigkeit schaffen dabei. Aber ignoriert das nicht den Zahn der Zeit, um es mal salopp zu formulieren? Oder versuchst du einen ganz bestimmten Punkt zu treffen? Künstlerisch jemand ganz bestimmtes zu sein? Weil man könnte ja nun denken, dass die Leute, die behaupten, man sei erst in einem bestimmten Alter reif zum Bücher veröffentlichen doch Recht behalten. Und wie du am Ende wahrgenommen wirst und deine Texte, kannst du ja ohnehin so gut wie gar nicht beeinflussen, oder?

Das Problem daran ist, dass ich mich in drei Jahren dann darüber ärgere - und ich befürchte, dass es abgesehen von veröffentlichten Texten schon genug geben wird, über das ich mich dann ärgere. Aber es geht dabei nicht um das, was gesagt ist. Natürlich muss ich es in Kauf nehmen, dass ich in drei Jahren die Dinge anders sehe, aber ich möchte wenigstens nicht das Gefühl haben, dass ich das, was ich vor drei Jahren gesehen habe, schlecht gesagt habe. Es geht da also mehr um den handwerklichen Aspekt.

Sixpack

Nur noch ein paar kurze Fragen, mal was anderes (die möchte ich Gästen vielleicht ab jetzt immer stellen, wenn’s läuft…). Achtung es geht los:

Was war der letzte Kinofilm den du gesehen hast?

Das war „Walk the line“.

Wie war der?

Der war vielleicht für einen Hollywoodfilm nicht so schlecht, aber ich war doch ziemlich enttäuscht, da mir zwei Personen davor ganz begeistert davon erzählt hatten. Ich finde, man erfuhr zuwenig von Johnny Cash: etwas Drogen, etwas Liebe, das war’s. Naja, wenigstens waren die Songs gut – wie sagt man? – rerecorded.

Welche fünf CDs finden derzeit am häufigsten ihren Weg in deine Musikanlage?

Das ist zum einen die „Hope EP“ von Palace – das ist wunderschöner Jammercountry. Der Kopf davon, Will Oldham, macht jetzt unter dem Namen „Bonnie Prince Billie“ ebenfalls fantastische Musik.  Ansonsten im Moment wieder eines meiner alten Lieblingsalben, „Everything must go“ von den Manic Street Preachers, allerdings nur beim Autofahren. Dann noch das erste Tindersticks-Album,  und seltsamerweise sehr oft „Raw power“ von den Stooges und „Bossanova“ von den Pixies – Letzteres ist auf Kassette, gilt aber vielleicht trotzdem.

Wohin sollte man im Sommer fahren, wenn man Geld für Urlaub über hat?

Ich wollte im Sommer nach Skandinavien fahren, das hatte ich schon lange vor. Deshalb weiß ich aber noch nicht, ob man das wirklich machen sollte. Ansonsten würde ich sagen: irgendwohin, wo möglichst keine Menschen sind.

Liest du derzeit ein Buch? Wenn ja welches?

Ja, „Verlorene Illusionen“ von Balzac. Das habe ich geschenkt bekommen. Ich lese es eigentlich sehr gerne, obwohl ich große Vorbehalte hatte und habe und es mir oft übel aufstößt: manchmal wird es einfach wirklich schwülstig. Außerdem ist das Buch von Charakteren so überlaufen, dass man sich danach sehnt, im Sommer irgendwohin zu fahren, wo keine Menschen sind.

Was sollte man abschaffen, um die Welt ein ganz klein bisschen besser zu machen?

Rauchverbote auf Bahnsteigen.

Wolfram, vielen Dank für das Interview, für deine Zeit und deine Geduld. Hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich hoffe wir können das Gespräch sehr bald bei einem Bier oder zwanzig Tassen Kaffee fortsetzen. Bis dahin jedenfalls erstmal alles Gute für dich und deine Arbeit.

Annika Hetberg